Die Arbeit - Woodpecker
- Jessica Scharl
- 7. Aug. 2025
- 6 Min. Lesezeit

Anfang Juni beginne ich mit der eigentlichen Arbeit – Auswandern und Wohnung einrichten, Auto finden sind nur die Begleiterscheinungen und damit wird bekanntlich kein Geld verdient. (und für OnlyFans zu häss.. ach lassen wir das Thema ;-))
Die Firma Woodpecker European Timber Framing & Woodworking Ltd. hat ihren Sitz in Exshaw, direkt am Bow River in den Rocky Mountains auf 1320 m über Null. Wir machen alles, doch es scheint sich derzeit rauszustellen, dass sich die Firma in der letzten Zeit auf Holzbauprojekte spezialisiert hat, wo große, schwere Hölzer in der Abbundanlage vorgefertigt werden, welche dann auf den diversen Baustellen rund um Exshaw montiert werden. Spannende Sache. Übrigens bedeutet „rund um“ nicht automatisch die Eingrenzung von einem 100km Radius. Es werden auch Baustellen in North Saskatchewan oder auch in Montana, USA, bedient, je nachdem wo die Big Timber gebraucht werden. Und ich darf einer derjenigen sein, die das auf der Baustelle montieren.
Übrigens möchte ich hier erwähnen, dass ich sehr offen und freundlich aufgenommen worden bin. Ich habe wirklich großes Glück, dass ich per Internet so eine Firma gefunden habe. (und nein ich bekomme keine Gehaltserhöhung, wenn das hier mein Chef liest..sollte ich!? :-D) Ich bin happy und vielleicht liegt es ja auch ein bisschen dran, dass ich nicht auf den Mund gefallen bin. Haha
Im Gegensatz zu Deutschland ist die Arbeitswelt hier anders aufgebaut. Während der Zimmerer in Deutschland beim Hausbau fast alles aus einer Hand macht, Holzrahmenbau, Beplankungen, Balkone, Dacheindeckung etc. ist es hier in Kanada gesplittet. Für fast alles gibt es eine separate Firma, die genau nur das ausführt, bzw. beauftragt wird. Zum Beispiel an einem riesigen Bauvorhaben in Canmore. Hier gibt es den Timber Framer, der die Holzkonstruktion, Beplankung und die Folie (hat mehr was von Silo-Plane) installiert, der Dachdecker macht nur die Dacheindeckung, hier klassischerweise Dachpappschindeln. Es gibt den Fassadenbauer, der die Fassade macht. Und wir? Wir machen hoffentlich einen guten Eindruck :-D und eben Showhölzer wie Büge, Säulen, Sichtsparren an der Untersicht, Balkonkonstruktionen (nur die Konstruktionen – das Deck macht dann wieder der Framer) und Geländer – alles in großer Dimension und natürlich mit Lasur gestrichen. Naturbelassenes Holz ist hier quasi nicht vorhanden – es muss mindestens eine Schicht Farbe oder Lasur drauf, sonst hält es ja nicht. Konstruktiver Holzschutz kann man damit getrost vergessen…ist ja gestrichen und d´Farb bekanntlich a koa Depp. Zudem verzichten sie hier zu 99,9 % auf Gerüste und verbringen Ihre Zeit in einer der vielen Hebebühne und im Teleskoplader.
Ihr fragt euch sicher, wie denn so ein normaler Arbeitstag bei mir hier ausschaut!? Um 7 Uhr ist Arbeitsbeginn, manchmal im Shop (Werkstatt) oder direkt auf der Baustelle – man fährt mit dem Privatauto auf die Baustelle und der Vorarbeiter kommt mit dem Firmenvan, wo alle wichtigen Sachen drin sind. Einstempeln per App nicht vergessen, damit die Stunden gezählt werden, und damit das Büro weiß, auf welche Baustelle das abgerechnet werden darf.
Der nächste Stepp ist, sich online auf die Baustelle einschreiben, damit alle offiziell wissen, dass der Lukas von Woodpecker auch vor Ort ist. Danach muss ich täglich, oder auch mehrmals täglich z.B wenn man die Baustelle switcht, das eHazard Assessment document ausfüllen. „It´s all about safety“ und das schreiben die hier groß. Nach Namen und E-Mail-Adresse gibt es Fragen zu den unterschiedlichen Gefahren und den Tätigkeiten, welche zu tun sind. Auch ob allein oder im Team gearbeitet wird und ob mobiles Equipment zum Einsatz kommt. Wichtig ist anzugeben, ob in der Höhe gearbeitet wird, da durch die zwei Angaben, einmal in der Woche weitere safety forms auszufüllen sind. Fall protection und harness check (Ganz Körpergeschirr, ähnlich wie bei den Industriekletterern). Du darfst die Fahrzeuge wie aerial lift and tele loader auch nur mit Führerschein bzw Unterweisung von offizieller Stelle fahren - zum Glück durfte ich diese Scheine alle gleich zu Beginn machen.

Nach dem ganzen Sicherheits-Vorspiel, noch schnell den Helm, die Schutzbrille, Handschuhe und Warnweste anziehen und der Arbeiter darf sich auch aus dem Auto trauen und seine Arbeit machen. Je nach Baufirma werden auch noch Punkte wie, lange Arbeitshose, Gehörschutz, keine Tanktops und Sicherheitsstiefel keine Schuhe vorgeschrieben und auch genaustens kontrolliert. Andernfalls kann der Platzverweis auf der Baustelle winken und das will hier ja gleich gar keiner. Take it serious!
Mittagspause ist um 01 pm (13 Uhr) kann natürlich flexibel verlegt werden, das ist Baustellenalltag. Ich habe jeden Tag meine Kühltruhe mit Wasserflasche und meinem Mittagessen (gekochtes von Jessy) dabei 😉 Zwischen 5 und 5:30 pm ist meist Feierabend und die Heimreise angesagt.
Ein paar Facts über das Baustellenleben auf Großbaustellen hier:
- Baustrom wird in den meisten Fällen mit Aggregaten erzeugt, da es billiger ist.
- Es gibt keine Turmkräne und Gerüste
- Bei jedem neuen Job MUSS eine Baustellenorientierung / Sicherheitsunterweisung gemacht werden, teilweise erst online und dann auf der Baustelle selber – mit anschließendem Test.
- Alles ist Videoüberwacht
- Rohbau abdecken ist was für Weicheier, die OSB Platte ist doch viel schöner wenn sie aufquillt
- Es ist erst richtig nass, wenn die Pfützen im Gebäude größer sind als draußen
- Oft richtig matschig mit einem Regenschauer
- 16cm Dämmung ist viel
- Inch Angaben sind doch härter wie erwartet, v.a wenn man das metrische System gewohnt ist.
- Die Aussicht ist überwältigend
- Mit Sonne arbeitet es sich leichter
- Stress ist ein Fremdwort
Wer hat mir hier die Zentimeter geklaut!? Alles zu Inch und Co. Auf der Baustelle und wie das metrische System auf dem Vormarsch ist, oder auch nicht…
In der Firma wird das meiste im metrischen System angegeben. Liegt vielleicht auch an den europäischen Wurzeln einiger hier und dem deutschen Boss. Spricht man mit Kanadiern, meinen selbst auch die hartgesottensten, dass das metrische System ja viel logischer und einfacher ist. Auch wenn er vorher die Aussage gebracht hat. Metric units are communist units and imperial units are freedom units. Ob das wohl eine Anspielung auf die USA ist? ;-)
Auf der Baustelle sieht es dann doch anders aus. Wir müssen also tagtäglich zwischen den Maßeinheiten hin und herspringen, um mit allen kommunizieren zu können. Während wir in unserem Tätigkeitsbereich frei entscheiden können, wie wir es angeben bzw. wird auf unseren Zeichnungen ja eh alles in Meter und Zentimeter angegeben, wird es z.B bei den Lieferungen der Plattenwerkstoffe, Angaben der Bolzen, Muttern, Gewindestangen und Riegel komplizierter. Gerade für mich, wo ich bisher keine Berührungspunkte mit inch und co. hatte, außer bei der Bestellung bei Subway.
Dicke der Platten wird in inch angegeben, z.B half inch, five/eights oder three/quarter sind so die gängigen, Riegel in 2“ by 4“ oder 2“ by 6“ , Gewindestangen meist in 5/8 , ¾ oder 7/8.
Dazu muss man wissen, dass ein Fuß 12 inch sind, 1 inch sind 2 Hälften, oder 4 Viertel oder 8 Achtel oder 16 Sechzentel. So kann man es aufteilen. Auf blöd sagt man dann, es sind 3 inch fifthteen/sixteenth – sind 10 cm – weiß ja auch jeder.
Das lustigste derzeit, was mir zu diesem Thema auf der Baustelle passiert ist. Gespräch mit dem Framer über Säulenhöhen und er fragt wie hoch denn unsere Säule ist. Ich meine 8m und 37cm. Und er fragt mich: What´s this in real numbers? :-D Um ehrlich zu sein, was da rauskommt habe ich bis heute nicht richtig verstanden 329 33/64“ – gepasst hats am Schluss dann, aber genau.
Das werd ich bald auch noch komplett raushaben, da bin ich mir sicher!
Was mich allerdings wirklich im Zimmererherz trifft ist, dass hier – und ich kann bisher nur für die Großbaustellen sprechen – keiner was abdeckt. Sei es Riegelstapel, welche noch verbaut werden sollen oder vorgefertigte Wandelemente, Platten o.ä.
Kurzer Einwurf, vorgefertigte Wandelemente eines Framers sind Ständerwerk und einseitig beplankte OSB oder Plywood Platte – That´s it! Und das ist für die auch schon das höchste der Gefühle.
Nicht mal der fertige Rohbau wird separat abgedeckt, nein wenn es regnet bilden sich Pfützen im kompletten Gebäude. Ganze Bereiche sind dann regelrecht unter Wasser und vegetieren so langsam vor sich hin. Welch großer Vorteil, dass es hier immer sehr trocken ist, vielleicht funktioniert die Art des Bauens auch nur deshalb so. Auf jeden Fall schwer nachvollziehbar, hat man sich ja auch über 3 Jahre bei Baufritz mit dem ökologischen Bauen und Schimmelpilzen beschäftigt, lernt man in Deutschland das als Zimmerer einfach anders. Schade!
Für alle die sich Sorgen machen ein kleines Fazit:
Ja mir geht's gut in der Arbeit
Ja ich kann mich verständigen
Ja ich creme mich auch ab und an mit Sonnencreme ein
Ja ich trinke genügend
Ja meine Frau und mein Kind schauen auf mich
Ja und zu guter Letzt für alle Karrieremenschen - es gibt auch Aufstiegsmöglichkeiten bis ins Büro. Ich suche derzeit noch nach der richtigen Leiter, aber dafür müsste man auch Englisch können, damit man die findet.
Spaß beiseite - es läuft derzeit gut in der Arbeit und auch daheim! ;-)
Schreibt uns gerne oder kommentiert hier, wenn ihr was über Kanada und das Leben wissen wollt und wir werden berichten - Over and out




















































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